Acht Auftragsarten, sechs Farben — und warum Rot keine davon ist

Als in unserem Auftragsboard die ersten farbigen Karten auftauchten, sah das nach einer Gestaltungsfrage aus. Ist es nicht. Jede Farbe auf einer Karte ist eine Behauptung darüber, wonach im Betrieb unterschieden wird — und wer diese Behauptung falsch aufstellt, baut ein System, das man auswendig lernen muss.

· 9 Minuten Lesezeit· Steven Gerth

Dieser Beitrag beschreibt, wie das Farbschema entstanden ist, welche Regel es von Anfang an eingeschränkt hat und an welchen vier Stellen es heute nicht sauber ist. Die interessanteren Absätze sind die letzteren.

Acht Arten, und der Unterschied liegt nicht im Aussehen

Es gibt acht Auftragsarten: Druck, Bindung, Plakat, Bauzeichnung, Visitenkarten, Anlasskarten, Textil — das ist angelegt, aber noch nicht scharf — und Sonstiges.

Das klingt nach einer Sortierhilfe. Tatsächlich hängt an der Art fast alles, was der Auftrag danach durchläuft.

Die Pflichtfelder sind andere. Eine Bindung braucht Bindeart, Seitenzahl, Auflage und Papier. Beim Druck kommt die Druckart dazu. Ein Plakat hat gar kein Seitenfeld. Karten brauchen nur die Basisangaben, denn dort ist die Datei das Produkt.

Der Steuersatz ist ein anderer. Bindearbeiten werden anders besteuert als alles Übrige. Das ist keine Feinheit, das steht am Ende auf der Rechnung.

Der Auftrag geht an einen anderen Arbeitsplatz. Bindung läuft über eine andere interne Adresse als Druck und Plakat — zwei Menschen, zwei Tische.

Die Mengenstaffel rechnet anders. Beim Druck gibt es vier getrennte Töpfe, A4 und A3 mal Schwarzweiß und Farbe. Beim Plakat wird pro Papier gestaffelt, formatübergreifend. Bindearbeiten haben überhaupt keine Staffel. Bauzeichnungen sind auftragsweit gestaffelt, und das waren sie schon immer.

Die Zuschläge sind andere. Karten bekommen weder Servicepauschale noch Express. Express gibt es ausschließlich bei Bindearbeiten.

Sogar die Datei kommt woanders her. Bei Druck, Bindung, Plakat und Bauzeichnung lädt der Kunde hoch. Bei Visiten- und Anlasskarten erzeugen wir die Druckdatei selbst aus dem Design, mitsamt einem Nachweis darüber, welchen Stand der Kunde freigegeben hat — serverseitig nachgerechnet, damit die Freigabe nicht davon abhängt, was der Browser behauptet. Und Anlasskarten kennen nur Abholung, keinen Versand.

Sieben Unterschiede, bevor überhaupt jemand eine Farbe gewählt hat. Die Farbe macht am Ende nur sichtbar, was ohnehin schon verschiedene Wege sind. Genau deshalb ist sie eine Prozessentscheidung: Eine Farbcodierung, hinter der keine unterschiedlichen Abläufe stehen, ist Dekoration. Eine, hinter der welche stehen, ist eine Abkürzung fürs Auge.

Die Art ist kein Feld

Ein Punkt, der wichtiger ist als die Farben selbst: Die Auftragsart lässt sich nicht eintragen. Es gibt kein Auswahlfeld dafür.

Sie wird aus der Auftragsnummer abgeleitet. Jede Nummer beginnt mit einem Kürzel — B für Bindung, D für Druck und so weiter — und die Nummer wird beim Anlegen einmal vergeben und danach nie geändert. Die Ableitung ist an zwei Stellen hinterlegt, im Browser und in der Datenbank, und beide sagen dasselbe.

Der Vorteil ist derselbe wie beim Rechnen im ersten Beitrag dieser Reihe: eine Eigenschaft, eine Quelle. Es gibt kein Feld, das mit der Wirklichkeit auseinanderlaufen kann, weil jemand es vergessen hat. Ein Auftrag kann nicht als Bindung geführt werden und gleichzeitig als Druck aussehen. Es ist dieselbe Regel, die im dritten Beitrag unter „Ableiten statt eingeben“ steht.

Der Preis dafür steht weiter unten, und er ist real.

Die Zuordnung ist weitgehend willkürlich — und das ist kein Versehen

Bindung ist blau. Plakat orange. Bauzeichnung violett. Visitenkarten türkis. Anlasskarten rosa. Textil smaragdgrün. Die Nummer trägt den kräftigeren Ton, die Kartenfläche denselben Farbton sehr hell, damit sich mehrere Karten nebeneinander nicht anschreien.

Wenn ich ehrlich bin: Für die meisten dieser Zuordnungen gibt es keinen Grund. Blau hat nichts mit Bindung zu tun, Rosa nichts mit Anlasskarten. Violett für Bauzeichnung und Türkis für Visitenkarten wurden gewählt, weil sie sich von ihren Nachbartönen unterscheiden mussten, nicht weil sie etwas bedeuten.

Diesen Absatz hätte ich weglassen können. Ich halte ihn für den nützlichsten im ganzen Text.

Farbcodierung funktioniert nämlich nicht, weil eine Farbe etwas bedeutet, sondern weil sie sich nicht ändert. Niemand im Team denkt beim Blick auf eine blaue Karte an eine Bedeutung. Man erkennt sie wieder, so wie man einen Kollegen am Gang erkennt, ohne sich seine Merkmale aufzusagen. Wer sich stattdessen Bedeutungen ausdenkt — Blau ist kühl, also technisch, also Bauzeichnung — baut ein System, das man lernen muss, statt eines, das man wiedererkennt. Und es rächt sich beim nächsten Produkt, wenn die schöne Logik nicht mehr aufgeht.

Zwei Zuordnungen haben trotzdem einen Grund, und die sind die eigentliche Geschichte.

Rot bleibt frei

Druck ist der häufigste Auftragstyp. Druck hat keine eigene Farbe. Die Karten sind neutralgrau, so wie „Sonstiges“ gar keine Fläche bekommt.

Das ist keine Nachlässigkeit, sondern das Ergebnis einer Regel, die vor der ersten Zeile Code stand und als Kommentar bis heute im Code steht: Rot ist für Warnungen reserviert. Der Standardfall braucht keine Auszeichnung, also bekam der häufigste Typ den unauffälligsten Ton.

Diese Regel hat sofort etwas gekostet — beim allerersten Anwendungsfall, in Form von Übersichtlichkeit, ausgerechnet beim wichtigsten Typ. Sie ist trotzdem stehen geblieben. Eine Regel, die nichts kostet, ist keine Regel, sondern eine Absichtserklärung.

Wofür Rot dann tatsächlich steht, sind fünf Zustände. Alle fünf werden berechnet, keiner wird gesetzt:

Fehlende Pflichtfelder erzeugen ein rotes Warnzeichen mit einer Anzahl; der Tooltip nennt die Felder. Ein überfälliger Termin erscheint fett rot mit dem Wort „überfällig“. Die Ampel aus der Dateiprüfung beim Upload zeigt einen roten Punkt, wenn die Datei nicht in Ordnung ist. Ein Auftrag im alten Status „unvollständig“ bekommt ein rotes Statuszeichen. Und auf dem gedruckten Auftragsblatt gibt es genau einen roten Balken: „ANFRAGE — KEIN AUFTRAG — NICHT PRODUZIEREN“.

Niemand kann Rot setzen, und niemand kann es wegklicken. Es verschwindet, wenn seine Ursache verschwindet.

Ein Detail daran halte ich für übertragbar: Überfälligkeit wird in den Spalten „Fertig“ und „Abgeholt“ nicht angezeigt. Ein Auftrag, der produziert ist und auf Abholung wartet, ist nicht überfällig. Ohne diese Ausnahme wäre nach zwei Wochen das halbe Board rot — und dann ist Rot wertlos. Eine Warnfarbe stirbt an Häufigkeit, nicht an Falschheit.

Neben Rot ist noch Gelb belegt, für die mittlere Stufe der Dateiprüfung: Hinweis, aber kein Stopp. Als Auftragsart kommt Gelb deshalb nicht vor. Grau ist die einzige beabsichtigte Doppelbelegung — es steht für Druck und für „kein Wert, niemand zuständig, erledigt“. Grau heißt immer: unauffällig.

Vier Farbsysteme auf einer Karte

Und hier wird es unsauber.

Auf ein und derselben Karte laufen vier Farbsysteme nebeneinander, die nichts miteinander zu tun haben. Die Auftragsart als Fläche und Nummer. Der Status — Neu grau, In Arbeit indigo, Rückfrage bernstein, Fertig grün. Der Bearbeiter als Balken an der linken Kante, dessen Farbe aus dem Schichtplan kommt und eine Person meint, keine Sache. Und die Warnungen.

Daraus ergeben sich zwei Kollisionen, die ich nicht wegdiskutieren will:

Grün heißt als Auftragsart „Textil“ und als Status „Fertig“.
Orange heißt als Auftragsart „Plakat“ und als Kennzeichen „Express“.

Im Alltag fällt das kaum auf, weil die Systeme an verschiedenen Stellen der Karte sitzen und neben jeder Farbe ein Wort steht. Aber die Regel, die ich mir selbst gegeben habe — eine Farbe, eine Bedeutung — ist an zwei Stellen gebrochen. Sie ist auch nicht leicht zu reparieren: Es gibt nicht beliebig viele Töne, die sich auf einem hellen Board sicher unterscheiden lassen, und jede Umbelegung ändert etwas, das inzwischen sitzt.

Und eine Grenze hat das ganze Schema ohnehin: Das gedruckte Auftragsblatt ist schwarzweiß. Dort, wo die Unterscheidung am meisten zählen würde — an der Maschine, auf dem Stapel — liegt ein farbloser Zettel. Der einzige farbige Träger, der es aufs Papier schafft, ist der Anfrage-Balken, und der trägt seine Aussage in Großbuchstaben.

Der Vorfall, der nicht mit Farbe gelöst wurde

Vor dem Board wurde nicht mit Farbe unterschieden, sondern mit Text: am Kürzel der Auftragsnummer. Das funktioniert, wenn man liest. Es funktioniert nicht, wenn man über eine Liste schaut. Und ehrlicherweise wurde meistens gar nicht in der Liste unterschieden, sondern physisch — anderer Stapel, anderer Tisch.

Der Fall, der die Sache auf den Punkt gebracht hat, war kein Farbfehler, sondern ein fehlendes Kennzeichen. Angebote, die am Tresen entstanden, liefen als vollwertige Aufträge durch Board, Auftragsliste und Zählungen. Sie hatten keine Auftragsnummer, liefen deshalb als „Sonstiges“ — grau, kein Chip, keine Fläche. Ein Angebot sah aus wie ein Auftrag, der bloß noch keine Nummer hatte. Der Filter, der so etwas hätte abfangen sollen, schloss nur Entwürfe aus, und ein Angebot war technisch kein Entwurf.

Gelöst wurde das nicht mit einer neunten Farbe. Gelöst wurde es, indem das Tresen-Angebot abgeschafft wurde: Wer am Tresen so weit ist, dass er etwas erfasst, hat einen Auftrag, kein Angebot. Seitdem legt die Maske immer einen Auftrag an.

Wenn sich ein Zustand nicht darstellen lässt, ist manchmal nicht die Darstellung das Problem, sondern der Zustand.

Ein kleinerer Fall aus derselben Familie: Als die Anlasskarten dazukamen, wäre jede Kartenbestellung als „Sonstiges“ im Board gelandet, weil die Ableitung in der Datenbank das neue Kürzel nicht kannte. Gefunden vor dem Livegang. Eine Ableitung ist nur so gut wie ihre Zuordnungstabelle — und die muss man bei jedem neuen Produkt anfassen. An zwei Stellen.

Farbfehlsichtigkeit: nicht bedacht

Dazu gibt es keine Entscheidung, weil die Frage nicht gestellt wurde. Ich habe sie schlicht übersehen.

Was das System rettet, ist ein Nebeneffekt und kein Verdienst: Neben jeder Farbe steht Text. Die Auftragsart als Wort neben der Nummer, die Überfälligkeit als das Wort „überfällig“, die fehlenden Felder als Zahl im Warnzeichen, der Express als beschriftetes Kennzeichen. Farbe ist überall Beschleunigung und nirgends alleiniger Träger.

Nirgends bis auf eine Stelle. Die Ampel der Dateiprüfung ist ein farbiger Punkt und sonst nichts. Rot, Gelb, Grün, unterscheidbar nur, wenn man mit dem Mauszeiger daraufgeht — und am Rechner im Laden, der per Touch bedient wird, gibt es keinen Mauszeiger. Das ist der eine echte Fehler im Schema. Er ist behebbar, indem in den Punkt ein Zeichen kommt, und er steht auf der Liste.

Was heute nicht funktioniert

Tresenaufträge sind grau. Ihr Kürzel ist in der Ableitung nicht hinterlegt. Der häufigste Auftragstyp aus dem Laden ist im Board der einzige ganz ohne Kennzeichnung.

Ein falsch angelegter Auftrag lässt sich nicht umtypisieren. Das ist der Preis dafür, dass die Art aus der Nummer folgt: Man muss ihn löschen und neu anlegen. Das kommt selten vor, und ich würde es wieder so bauen — aber es ist eine Einbahnstraße, und man sollte wissen, dass man in eine einbiegt.

Textil hat eine Farbe, aber kein Produkt. Grün ist für etwas reserviert, das es noch nicht gibt — und kollidiert währenddessen mit dem Status „Fertig“.

Bleibt die Frage, was davon übertragbar ist. Drei Punkte, denke ich. Erstens: Farbe darf nur codieren, was tatsächlich unterschiedliche Wege bedeutet — sonst ist sie Aufwand ohne Ertrag. Zweitens: Eine reservierte Farbe ist erst dann eine Regel, wenn sie einmal wehgetan hat. Drittens, und das wäre der Satz, den ich mir vorher gewünscht hätte: Man sollte zählen, wie viele unabhängige Farbsysteme auf derselben Fläche liegen. Ab dem dritten wird es eng, und man merkt es erst, wenn man es aufschreibt.